Über Aachen

Aachen - Stadt und Universität

Aachen, die am weitesten westlich gelegene Großstadt Deutschlands, ist ganz und gar die Stadt Karls des Großen und - der Technischen Hochschule. Karl der Große, in der Region geboren und aufgewachsen, wählte Aachen zu seiner Lieblingspfalz. Von hier aus hielt er sein Reich - in seiner Ausdehnung fast dem Gebiet der heutigen Europäischen Union entsprechend - zusammen. Hier ließ er ein Münster bauen, das sich zur Kathedrale auswuchs, der ältesten unter den großen deutschen Kathedralkirchen. Ihr oktogonaler Kern ist älter als die gotischen Dome von Köln oder Lübeck, älter als die romanischen Kirchen der Salier am Rhein oder in Quedlinburg. Ihre Proportionen sind die von San Vitale in Ravenna. Aber das Aachener Oktogon, in ein umlaufendes Sechzehneck gefaßt, wirkt eleganter. Es ist ja auch 200 Jahre jünger.

Bild: Nordseite des Aachener Doms

Fast 600 Jahre hindurch, von 936 bis 1531, war der Aachener Dom die Krönungskirche der deutschen Könige, der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Sie ist vielfach verändert worden in den letzten 1200 Jahren, aber im wesentlichen in allen Katastrophen unversehrt geblieben - auch im 2. Weltkrieg - als ringsum die Stadt in Schutt und Asche fiel.

Aachen ist wiederaufgebaut worden. Viel Bausubstanz war verloren, einiges konnte gerettet werden, restauriert oder rekonstruiert. So das gotische RathausBild: Das Aachener Rathaus mit dem großen Saal für das königliche Krönungsmahl, der den ganzen ersten Stock einnimmt und eindrücklich mit den geretteten Fresken des Aachener Historienmalers Alfred Rethel prunkt. Erhalten blieb auch das mittelalterliche Muster der Straßenzüge innerhalb der Innenstadt, die sich heute verkehrsarm und fußgängerfreundlich präsentiert.

Aachen war lange Zeit (von Mitte des 14. bis Ende des 18. Jahrhunderts) freie Reichsstadt. Mit dem Verlust des Krönungsprivilegs 1531 sank ihre politische Bedeutung. Es gräbt sich aber der in Aachen geschlossene Friede von 1748 ins Gedächtnis, mit dem der oesterreichische Erbfolgekrieg beendet wurde. Friedenstiftend und international integrierend will Aachen auch heute sein. Der europäische Einigungsgedanke wird hier unter Berufung auf Karl den Großen und eingedenk der europäisch zentralen Lage nahe an Belgien, Holland und Frankreich besonders gepflegt. Seit 1950 wird der internationale Karlspreis der Stadt Aachen für besondere Verdienste um die europäische Einigung verliehen. Preisträger sind hochrangige Politiker, gelegentlich auch herausragende europäische Intellektuelle oder - 1986 in einem Anflug rheinischer Narretei - das Volk von Luxemburg, schließlich sogar, als Abstractum, das europäische Geld.

Wirtschaftlich prosperierte Aachen im 18. Jahrhundert dank der heißen, schwefelhaltigen Mineralquellen,Bild: Blick über den Elisenbrunnen auf den Dom welche schon Karl dem Großen die Gischt linderten. Vom florierenden Kur- und Badebetrieb zeugen prominente Namen des europäischen Hochadels auf den Besuchertafeln am Elisenbrunnen, dessen säulengeschmückte Rotunde übrigens vom preußischen Stararchitekten Karl Friedrich Schinkel entworfen worden war, als Aachen nach dem Wiener Kongreß zur preußischen Rheinprovinz gehörte. Georg Friedrich Händel kurierte sich in Aachen von den Folgen eines Schlaganfalls. Tagelang saß er in der heißen Badewanne. Kein normaler Mensch hätte das ausgehalten. Aber Händel wurde gesund, und zwei Jahre später schrieb er dankbar sein großes Hallelujah in sein berühmtestes Oratorium.

Wirtschaftliches Interesse und politisch-kulturelle Weitsicht führten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Gründung der Aachener Technischen Hochschule. Eine Dotation von 5000 Talern aus der Schatulle der Aachener (heute Aachen-Münchener) Feuerversicherungsgesellschaft an den preußischen Kronprinzen Friedrich, als er frischvermählt von London über Aachen nach Berlin reiste, bildete den Grundstock für die Errichtung einer Polytechnischen Schule. Diese war nicht ohne Widerstände zu haben, denn Köln bewarb sich ebenfalls, und es bedurfte weiterer städtischer Mittel und des Wohlwollens des Kronprinzen, bis 1870 die Kgl. Preußische Polytechnische Schule in Aachen schließlich eröffnet werden konnte. Verglichen mit anderen Gründungen dieser Art - Berlin, Karlsruhe, Dresden, Zürich, München, Darmstadt oder Hannover - kam Aachen relativ spät, entwickelte sich aber rasch zu einer Technischen Hochschule mit hohem Ansehen. Die Eisenbahn und der Talsperrenbau boomten, und die Ingenieure von Aachen erwarben sich bald hohe Reputation dabei.

Von Anfang an war Physik ein wesentliches Unterrichtsfach, Grundlage für alle technischen Disziplinen, Bergbau, Hüttenwesen, und Maschinenbau. Der Gründungslehrplan sah 6 Wochenstunden Experimentalphysik, 3 Stunden Mathematische (also Theoretische) Physik und 3 Stunden Angewandte Physik vor, dazu Übungen im Laboratorium (also Praktikum) und befand, dass dieses Pensum von einem Lehrer und einem Assistenten "teils zu den Vorlesungen, teils zu den Übungen" zu bewältigen wäre. Damals, vor 130 Jahren, mag das ausgereicht haben, heute, bei rund 30.000 Studenten, kümmern sich 28 Professoren um die angehenden Physiker, die Physiklaboratorien haben potente Außenposten an großen internationalen Forschungszentren wie CERN, DESY oder ILL/Grenoble und die ganze Technische Hochschule mit ihren 10.000 Wissenschaftlern, Technikern und administrativen Angestellten ist zum größten Arbeitgeber der Stadt Aachen geworden.

Am Schluß noch ein Blick auf die Glanzlichter der Physik an der RWTH Aachen. Noch vor der Jahrhundertwende 1899/1900 haben Philipp Lenard und Wilhelm Wien für kurze Zeit hier gewirkt. Sie betrieben zeitgenössische Beschleunigerphysik, experimentierten also mit Kathoden- und Kanalstrahlen. Lenard war nahe daran, Röntgenstrahlen zu entdecken. Dass ihm der Kollege in Würzburg zuvorgekommen war, erfuhr er zu seinem Mißvergnügen in Aachen. Sommerfeld hatte seinen ersten Lehrstuhl in Aachen, übrigens für Mechanik. Er berechnete die Schmiermittelreibung bei bewegten Maschinenteilen und die Knickfestigkeit von Brückenbauwerken, bevor er in München mit mirakulösem Erfolg Atomphysik betrieb. Sein erster Doktorand und Assistent in Aachen war Peter Debye. Ein zweiter, Walter Rogowski, wurde später als Elektrotechniker nach Aachen berufen. Dessen Doktorand Rolf Wideröe realisierte in seiner Aachener Dissertation von 1928 zum ersten Mal die Prinzipien der Teilchenbeschleunigung, sowohl für Linearbeschleuniger wie für Zyklotrons. 1913 entdeckte Johannes Stark in Aachen die Aufspaltung der Spektrallinien im elektrischen Feld und erhielt einen Nobelpreis dafür - der bislang einzige Nobelpreis, der einer Aachener Forschungsarbeit zuteil wurde. Andere Forschungstätigkeiten und -ergebnisse ernteten zwar Weltruhm, aber keinen Nobelpreis. Dafür stehen vor allem die Aachener Arbeiten von Theodore KarmanBild: Treppenaufgang des Karman-Forums, der von 1913 an für 20 Jahre den Lehrstuhl für Mechanik an der RWTH innehatte und in der stürmischen Jugendzeit des Flugzeugbaus das Feld der Aerodynamik wissenschaftlich und technisch durchpflügte und erweiterte. Dafür stehen aber auch die Entdeckung der neutralen Ströme der elektro-schwachen Wechselwirkung und neuer schwerer Feldteilchen W± und Z0 in CERN-Experimenten der 70er und 80er Jahre, an denen die RWTH-Physiker, dabei in internationale Kollaborationen eingebunden, teilweise entscheidenden Anteil hatten.

Die Aachener Physiker von heute freuen sich, die jungen und älteren Mitglieder des Fachverbandes Teilchenphysik der Deutschen Physikalischen Gesellschaft zur DPG-Frühjahrstagung 2003 in Aachen zu Gast zu haben und entbieten ihnen ihren Willkommensgruß.


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